Sitzananalyse
Gundula Lorenz mit ihrem Pferd Fabiola
Gundula's Pferd Chicco
Gundula's Pferd Fabiola
Gundula's Pferd Chicco & Gundula

ProPferd.at: Gundulas Blog: Aus Schaden wird man klug – wieso nicht schon vorher?

Man hört in der Pferdeszene immer wieder den Satz: „Man muss mindestens ein Pferd verbrauchen, um zu lernen“

Ich mag diese Aussage nicht, erstens wegen des unschönen Wortes ,verbrauchen‘ – und zweitens weil er irgendwie nach einer Entschuldigung für fahrlässiges Handeln klingt (bzw. so verstanden werden könnte). Vor allem sollte man niemals bis zum nächsten Pferd warten, um einen erkannten Fehler auszubessern – das sind wir unseren Pferden schuldig.

Natürlich sind wir alle nur Menschen und machen Dinge, die wir in diesem Moment für in Ordnung halten, die es aber vielleicht nicht wirklich sind. Mit mehr Erfahrung und Wissen würde man sich gewiss in mancher Situation anders verhalten oder auch anders agieren. Ja, wenn wir gewillt sind, lernen wir jeden Tag.

Ich möchte Euch dazu eine kleine Episode aus meinem Leben mit meiner Stute Fabiola erzählen. Sie zeigt mir immer sehr schnell und unmittelbar, wenn ich in meiner Arbeit mit ihr etwas übersehe oder vielleicht auch falsch mache – Sie ist der beste Trainer und ,Personal Coach‘, den man sich vorstellen kann. (Nicht umsonst wird die Zeit kommen, in der ich ihr ein Buch mit dem Titel „Equino FIT – die Geschichte einer Stute“ widmen werde.)

Aber zur Sache: In unserem Training war Trab und Angaloppieren unterm Sattel kein Thema mehr, sowohl auf der rechten Hand als auch links. Auch war die Zeit reif dafür, an Tagen hintereinander zu reiten. Nach einiger Zeit merkte ich, dass das Angaloppieren auf der rechten Hand schlechter wurde. Sie sprang nicht mehr so flüssig an, es war mehr ein ,Ich-lauf-mal-über-einen-schnellen-Trab-in-den-Galopp‘.

Das machte mich etwas stutzig, denn es hatte ja schon so wunderbar funktioniert. Ich gebe zu: Anfangs ignorierte ich das ein bisschen, denn auch wir sind nicht jeden Tag gleich gut drauf. Ich dachte wohl auch, das würde sich schon wieder geben. Als sie aber auch an der Longe dieses Muster zeigte, war es doch an der Zeit, etwas näher hinzusehen.

Man stellt sich mal hinter das Pferd und beäugt den Rücken. Sind beide Seiten im Bereich der Sattellage gleich hoch oder fällt eine Seite mehr ab? Für die Profis unter euch: Wir sprechen hier vom Bereich der thoracolumbalen Faszie, zu Deutsch: der Rückenlendenbinde.

Diese hat Einfluss auf den ganzen Körper, auf die Hinterhand ebenso wie auf die Vorhand. Ist diese, aus welchen Gründen auch immer, verspannt, dann kann das Vorderbein der gleichen Seite rückständig werden bzw das entsprechende Hinterbein mehr nach hinten raus stehen, wodurch es dem Pferd schwerer fällt, es unter den Schwerpunkt zu bringen. Das aber ist für richtiges Angaloppieren absolut notwendig.

Und prompt bestätigte sich: Fibis rechte Rückenseite war tatsächlich tiefer. Dadurch rutschte der Sattel beim Reiten (und ich mit ihm) immer mehr nach rechts – und das Problem wurde verstärkt. Ich hatte diese Situation erst bemerkt, als Fibi schlechter angaloppierte als sonst.

Jetzt war es wichtig, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Als erstes legte ich ein Faszientape am Rücken an, um die Kompression im Gewebe zu lösen. Danach musste ich natürlich auch mich selbst überprüfen, ob ich durch meinen Körper meiner Stute eine Bewegung aufzwang, die sie in dieses Bewegungsmuster brachte.

Und es musste eine Lösung gefunden werden, damit der Sattel nicht mehr nach recht rutscht. Ich bin kein Freund vom Schiefpolstern des Sattels – denn meistens ist der Sattler für kurzfristiges Umpolstern nicht rasch genug verfügbar, und reitet man zu lange so, zwingt man das Pferd förmlich in diese Fehlhaltung. Lieber arbeite ich mit Flies, das ich je nach Muskeldefizit zurechtschneide und damit die fehlende Muskulatur ausgleiche. Baut sich der Muskel allmählich wieder auf, kann ich das Flies immer mehr weglassen. Für eine solche Lösung braucht es aber anatomische Kenntnisse und auch Erfahrung – und natürlich grünes Licht vom Sattler meines Vertrauens, mit dem ich sowas immer bespreche.

Und siehe da: Nach den notwendigen „Korrekturen“ konnte mein Stütchen wieder ohne Probleme angaloppieren. Jetzt musste ich nur noch aufpassen, die Zeit für das Entfernen des Flieses nicht zu übersehen, denn sonst hätte ich nur ein Problem durch ein anderes ersetzt.

Was ich sagen möchte: Man kann als Pferdebesitzer mitunter Dinge übersehen, man kann Dinge tun, die nicht optimal sind – und man sogar Fehler machen. Wichtig ist aber, früh genug zu erkennen, wenn irgendetwas in die falsche Richtung abdriftet – möglichst noch, bevor es zu handfesten Problemen, etwa einer Lahmheit, kommt. Und wenn man selbst keine Lösung findet, sollte man auch nicht davor zurückscheuen, sich an eine Person seines Vertrauens zu wenden, aber bitte wertfrei und ohne Emotionen. Nicht jeder Fehler muss zwangsläufig zu einem Schaden führen – und es ist allemal besser, aus Fehlern klug zu werden, und nicht erst aus einem Schaden…

Artikel vom 02.03.2020 auf ProPferd.at