ProPferd.at: Gundulas Blog: Der Mensch denkt, die Stute lenkt

Ein unzertrennliches Paar: Gundula Lorenz und ihre Stute Fabiola / Foto: MAM-Arts Meieregger

Meinen Traum von der hohen Dressur wollte ich mir mit der Stute Fabiola verwirklichen, die ich bei einem kleinen Züchter entdeckt hatte – eine Trakehner Stute mit toller Abstammung und wunderbaren, schwebenden Gängen. Ich sah nur ihren Kopf und hatte mich schon verliebt. Es gibt sicherlich objektivere Kriterien für eine Entscheidung – aber ich bin auch heute noch der Meinung, dass sich die Tiere den Menschen aussuchen und nicht umgekehrt. Fabiola hat zweifellos mich gewählt – und ich war entschlossen, diese Herausforderung anzunehmen. Freilich ahnte ich damals noch nicht, was auf mich zukommen sollte. Denn manchmal ist es tatsächlich so: Der Mensch denkt, die Stute lenkt.

Mein Ehrgeiz war es, Lektionen der S Dressur zu reiten. Da ich zu dieser Zeit auch meine Ausbildung in Deutschland absolvierte und das Ganze professioneller als bei meinem ersten Pferd Chicco angehen wollte, suchte und fand ich einen Stall, der auch Beritt junger Pferde anbot. Doch dort lief nichts so, wie ich es mir vorgestellt hatte – rückblickend möchte ich mir noch immer die Haare raufen, denn es wurde fast kein Fehler und kein Fettnäpfchen ausgelassen. Wie mir heute völlig klar ist, wurden von der Stute zu früh Dinge verlangt, für die sie muskulär noch nicht bereit war – und daher laborierte sie ständig an diversen Problemen des Bewegungsapparats, an Lahmheiten, Verspannungen, Entzündungen etc. Verschärft wurde das ganze auch noch durch den Umstand, dass mein Stütchen auch noch übermotiviert, dass sie alles mitmachen und sie dem Menschen immer gefallen wollte. So kam sie von einer Kompensationsbewegung zur nächsten, bis es schließlich zu massiver Taktunreinheit und Lahmheit kam. Das Ergebnis war – liebevoll ausgedrückt, aber mit Tränen in den Augen – ein kleines „Krokodil“: Meine Stute war schlicht und einfach körperlich und emotional überfordert.

Junge Pferde aus moderner Zucht sehen heute schon sehr früh „fertig“ aus, also wie trainierte Pferde – aber sie sind es natürlich nicht. Man kann und darf sich die behutsame, pferdegerechte und solide Grundausbildung niemals sparen! Im Humanbereich, in der Sportwissenschaft, gibt es sogenannte Bewegungspyramiden. Der Sockel dieser Pyramide, auf dem alles aufbaut, nennt man den Bereich der „funktionellen Bewegung“. Der beinhaltet sowohl Mobilität als auch Stabilität. Auf das Pferd bezogen bedeutet das: ein mobiles, aber auch stabiles Knie-, Schulter-, oder auch Fesselgelenk usw. als Basis gesunder Bewegungsmuster. Das Pferd ist vom lieben Gott nicht so erschaffen, dass es den Menschen trägt – doch wir können es so trainieren, dass es beim Pferd dadurch zu keinen körperlichen bzw. physiologischen Problemen kommt.

Ich musste also schleunigst reagieren und die Dinge verändern. Ich wechselte den Stall und war ab nun – außer für Ausmisten, Füttern und Koppelgang – alleine für das Pferd verantwortlich. Ich begann, mein erworbenes Wissen aus der Pferdeostheopathie bei ihr anzuwenden, die Kompensationsbewegungen Schritt für Schritt „rückabzuwickeln", sie mit Kinesiologischem Taping in ihrer Bewegung zu unterstützen. Von Reiten waren wir noch weit entfernt, mein erstes Ziel war es, ihr Bewegungsmuster vom Boden aus in eine unverbrauchende Bewegung umzuschulen. Das war ein langer, mühevoller Weg – denn kaum trat eine Situation auf, die für die Stute stressig war, verfiel sie wieder in ihre alten, verbrauchenden Bewegungsmuster. Also hieß es, mehr an ihre Emotionen und nicht nur an den Körper zu denken. Wir alle wissen von uns selbst – „der Körper beeinflusst den Kopf und der Kopf beeinflusst den Körper“ – die Frage ist immer, wo setzt man an?

Nachdem ich mich auf diesem Sektor kaum auskannte, suchte ich dafür professionelle Hilfe. Die erste Frage, die ich zu hören bekam, war: „Bist Du bereit, auch an Dir zu arbeiten?“ – „Ja", war meine Antwort, ich wollte, denn es war mir klar, dass ich hier ein Defizit hatte und dass ich sowohl körperlich als auch emotional stabil sein muss, um einen Erfolg zu haben. Ich wollte sie ja nicht mit meinen Sitzfehlern aus dem Gleichgewicht bzw in eine ungesunde Körperhaltung bringen und schon gar nicht durch meine Nervosität ihr Gefühlsleben durcheinanderbringen. Fabiola forderte mich sehr direkt und sehr klar – in Bezug auf meine Arbeit und meine Persönlichkeit, sie war ein echter ,personal coach', eben typisch Stute. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert – sie fordert und fördert meine persönliche Entwicklung und hat mir beigebracht, dass man nie zu alt ist, um dazuzulernen!

Rückblickend muss ich sagen, dass ich durch Fabiola viele tolle Leute kennenlernen dürfen, die mich auf meinem Weg bis heute begleiten. Ein Sportwissenschafter, dem meine Fragen nie zu blöd wurden, der mit mir an meinen körperlichen Defizite arbeitet. Tolle Personen, die mir bei der mentalen und emotionalen Seite sowohl von mir als auch von meiner Stute zur Seite stehen, Sattler, Hufschmied, Tierarzt…. Und letztendlich auch eine Trainerin, die mit mir die gleiche Sprache spricht.

Ich weiß nicht, wie oft man mir geraten hat, dieses Pferd zu vergessen, wie oft mich diese Stute an meine Grenzen gebracht hat. Es gab Momente, in denen ich fast verzweifelte, ich habe sie in Gedanken oft verschenkt, aber heute würde ich sie für kein Geld der Welt mehr verkaufen ...

Artikel vom 6.6.2019 auf ProPferd.at