Sitzananalyse
Gundula Lorenz mit ihrem Pferd Fabiola
Gundula's Pferd Chicco
Gundula's Pferd Fabiola
Gundula's Pferd Chicco & Gundula

ProPferd.at: Gundulas Blog: Die Botschaften des Atems

Pferd Nüstern — © Sabrina Reiter

Die Zeit vor und um Weihnachten nennt man auch die ruhige, stille Zeit. Leider ist es vielfach das Gegenteil – laut, hektisch, voller Hast und Unruhe.

Ich versuche mir in dieser Zeit ein bisschen Freiraum zu gönnen und es mir mit einem Buch und einer Tasse Tee gemütlich zu machen.

Wie es der Zufall will kam mir diesmal ein Artikel von Sharon Wilsie in die Hände. Darin beschäftigt sie sich mit der Bewegung des Pferdes in einem ganz speziellen, kommunikativen Sinn. Ihre zentrale Botschaft: Das Pferd teilt sich auch und vor allem durch seine Bewegung mit.

Ich war ganz gefesselt davon, denn nachdem ich mich sehr mit Bewegung auf körperlicher Linie beschäftige, interessieren mich auch die anderen Einflüsse, die mit Bewegung zusammenhängen. Wenn ein Pferd aufgeregt ist, zeigt es ein ganz anderes Bewegungsmuster, als wenn es gemütlich vor sich hin grast oder auch döst. Es gibt diesen Ausspruch: „Body and mind always go together“ – Körper und Kopf, Psyche, gehören immer zusammen.“ – was ich zu 100 % teile.

Das Schöne daran ist, dass ich über den Körper den Kopf und über den Kopf den Körper beeinflussen kann. Man muss aber immer beides im Fokus haben!!!

Doch es wurde noch spannender: In dem Artikel wurden auch „Atembotschaften“ beschrieben. Pferde kommunizieren, so Sharon Wilsie, auch über die Atmung miteinander – und diese Eigenart könne sich auch der Mensch zunutze machen, indem er bewusst „Atem-Botschaften“ einsetzt. Zur Erklärung: Pferde sind Beutetiere, das heißt, sie stehen auf der Seite des Gefressen-Werdens. Es ist für sie überlebenswichtig, gleichsam nicht aufzufallen, unnötige Geräusche zu vermeiden und durch ihr Verhalten nicht die Aufmerksamkeit ihrer Feinde zu erregen. Pferde neigen dazu, unerwünschte Energien durch bestimmtes Verhaltensweisen in die gewünschte Bahn zu bringen. Sie jaulen nicht wie Hunde auf, wenn das Spiel mit den Artgenossen einmal zu stürmisch wird, sondern kommunizieren viel subtiler – eben auch über den Atem.

Eine dieser „Atembotschaften“, die man bei der Kommunikation mit seinem Pferd einsetzen kann, nennt Sharon Wilsie „Das Schreckgespenst wegpusten“: Man schaut dabei auf den Bereich, der beim Pferd Sorgen verursacht – und pustet, als ob man eine Kerze ausbläst in diese Richtung. Sie beschreibt auch, dass man danach eine entspannte Haltung einnehmen soll und einmal tief seufzen. Damit erklärt man dem Pferd, es sei alles ok und es hat nichts zu befürchten.

Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich dies natürlich bei meinem Stütchen Fibi sofort ausprobieren musste. Vom Boden aus hatten wir ja nicht das Problem. Doch im Sattel konnte ich nicht immer meine Nerven unter Kontrolle halten, wurde unruhig und ungeduldig – und es schaukelte sich gegenseitig auf. Also versuchte ich, das „Schreckgespenst wegzupusten“ – eine einfache Methode, die man auch leicht ins Training integrieren kann.

Viele meinen jetzt: Ja klar, wenn ich als Reiter weiter atme, beruhigt sich auch das Pferd. – Stimmt, aber ich habe das Gefühl, aktiv etwas machen und steuern zu können. Auch durch das Wegpusten atmet man aus und spricht so auch die Entspannung an. Wie auch immer – es hat ganz wunderbar funktioniert, beim Bodentraining und auch unter dem Sattel!!!!

Nach Sharon Wilsie teile ich dem Pferd durch diese Atembotschaft auch mit: Ich verstehe Deine Angst, aber es ist gut, ich bin da. So wie eine Mutter, die ihr aufgeregtes Kind an der Hand nimmt und sagt: „Egal was ist – Du schaffst das, ich bin da!“

„Das Begrüßungsatmen“

Das ist eine weitere von Sharons „Atembotschaften“. Waren Sie schon mal in einem fremden Land und haben die Einheimischen in Ihrer Sprache begrüßt. Wie hat sich das für Sie, aber auch für die Person gegenüber angefühlt? Nach meinen Erfahrungen hat eine solche Situation immer einen Touch von „Hey ich interessiere mich für Dich und respektiere Dich und Dein Land“

Pferde sind scharfe Beobachter und erkennen, ob wir Menschen unsere Lippen fest aufeinanderdrücken oder ob wir sie entspannt halten und damit ruhige, weiche Atemzüge formen. Als Beutetier sind Pferde in jeder Sekunde wachsam, auch wenn wir es nicht vermuten.

Zur Begrüßung führt man drei direkte und sanfte Atemzüge mit weichen Lippen in Richtung der Nüstern des Pferdes durch, schon aus einiger Entfernung. Die Zahl drei steht für Nähe suchen oder neugierig aufeinander sein. Ein Atemzug ist wie ein kurzes „Hallo“ ohne Verpflichtung.
Auch das musste ich natürlich unbedingt ausprobieren. Ich ging auf die Koppel und sah Fibi mit anderen Pferden an der Heuraufe stehen. Unser Prozedere bis jetzt lief folgend ab: Ich rufe, sie schaut auf, frisst noch etwas weiter bis ich einen Abstand von ca. 10 Meter erreiche, ich rufe nochmals und guck dann auf ihre Hinterhand, sie dreht sich zu mir und kommt.

Doch dieses Mal, nach Erreichen unseres eingespielten Abstandes, hauchte ich drei Mal in die Richtung ihrer Nüstern. Sie hob den Kopf, schaute mich mit ihren großen dunklen Augen verwundert an. Als ob sie sagen wollte „Woher kennst Du….?“ Kam auf mich zu – und es war für mich ein Augenblick, in dem mir ganz warm ums Herz wurde: ein Hauch von Weihnachtszauber!!!!

Neugierig geworden? Dann probiert es vielleicht einmal selbst aus …

Artikel vom 30.12.2019 auf ProPferd.at