ProPferd.at: Gundulas Blog: Wie mein Pferd Chicco mein Leben verändert hat

Gundula Lorenz und Chicco / Foto: privat

Schon von Kindesbeinen an galt meine große Liebe den Tieren. Zu meinem 10. Geburtstag bekam ich von meinen Eltern eine Reitstunde geschenkt – die „Leidenschaft Pferd“ war damit entfacht, endgültig und unwiderrufbar. Mein Vater holte mich oft direkt von der Schule ab und fuhr mit mir in den Stall. So verbrachte nicht nur ich, sondern auch mein Vater wohl oder übel ungezählte Stunden im Reitbetrieb.

Meine reiterliche Karriere verlief lange Zeit in völlig normalen Bahnen: Schulunterricht, Prüfungen von der Reiternadel bis zur Lizenz, Pflegepferde … Das erste eigene Pferd war noch weit weg, da es auch finanziell für meine Eltern nicht möglich gewesen wäre. Erst als ich etwa Mitte 20 war und gerade mein erstes Geld als medizinisch-technische Analytikerin verdient hatte, war es soweit: Chicco trat in mein Leben trat – ein junger dreijähriger Hengst, noch grau in der Farbe, aber man sah, dass er einmal ein Schimmel wird. Man erkannte sofort, dass er etwas Besonderes war (und es auch heute noch ist!) – nicht nur durch seine Präsenz, sondern auch seine ganz spezielle Zeichnung, ein brauner Schokoladenfleck auf seinem Kopf, als ob er seine Nase zu tief in einen Eimer Kakao gesteckt hätte.

Schon in jungen Jahren habe ich einen großen Teil meiner Freizeit beim Malteser Hospitaldienst verbracht, um mit beeinträchtigten Menschen unterschiedlichste Aktivitäten zu unternehmen, etwa ins Kino zu gehen oder Konzerte zu besuchen. Während meiner Arbeit mit ihnen wurde immer wieder der Wunsch geäußert, sich einmal auf ein Pferd zu setzen und gleichsam die Freiheit auf „ausgeliehenen“ kraftvollen Beinen zu genießen.

Diesen Wunsch wollte ich ihnen nur allzu gerne erfüllen – doch alle Personen und Institutionen, die ich kontaktierte, winkten ab oder waren ausgebucht. So entschloss ich, selbst weiter zu lernen und absolvierte im Reit- und Therapiezentrum Kottingbrunn von Gabi Orac 2003 die Ausbildung zum Behindertenreitlehrart, der heute „Lehrwart für integratives Reites“ heißt.

Sechs Jahre lang unterrichtete ich Menschen mit Handicap im Reitsport, und mein Chicco leistete dabei – neben seinem normalen Training für Dressurturniere – Unglaubliches. Es war wunderschön zu sehen, mit welcher Hingabe dieses Pferd seinen Job machte und wie viele Lächeln er in Gesichter zaubern konnte.

Doch mit der Zeit merkte ich , dass etwas mit ihm nicht stimmte. Sah man ihn mit ein bisschen Abstand an, glaubte man, drei verschiedene Pferde vor sich zu haben: Kopf und Vorhand waren eines, dann die Mittelhand und als drittes Pferd die Hinterhand – Chiccos Körper war kein harmonisches Ganzes mehr….. Ich konnte mir damals keinen Reim darauf machen, obwohl ich keine Anfängerin mehr war und auch schon meine Zweier-Lizenz vorweisen konnte. Taktunreinheiten standen bei ihm quasi auf der Tagesordnung, und so wurde natürlich der Tierarzt gerufen. Ich fiel aus allen Wolken, denn es wurde ein massiver Knieschaden diagnostiziert, von einer Bänderproblematik bis hin zur Arthrose. Das Knie wurde eingespritzt, Boxenruhe und nur gezieltes Training wurde verordnet. Mein Pferdchen verfiel immer mehr – die Freude, die er immer an der gemeinsamen Arbeit hatte, verschwand immer mehr.

Irgendwann wusste ich: So kann’s nicht weitergehen! Lösungsorientiert, wie ich schon immer war, kaufte ich Bücher über Pferdeanatomie und -physiotherapie. Denn aus meiner Zeit im Humanbereich wusste ich, dass man das Kniegelenk mit Muskulatur stabilisieren kann. Diese Erfahrung hatte ich auch selbst gemacht, denn ich hatte Jahre davor eine Meniskusoperation.

Doch die Bücher halfen mir nicht weiter und lieferten mir keinen Ansatz, wie ich Chicco helfen konnte. Erst mein Mann, der mich immer unterstützte und mir auch heute mir immer mit Rat und Tat zur Seite steht, brachte mich auf die Idee, in Deutschland eine Ausbildung zu machen und mehr darüber zu lernen.

So kam es, dass ich in der Lüneburger Heide an der Fachschule für Osteopathische Pferde- und Hundetherapie die Schulbank drückte. Nach meiner Abschlussprüfung im Jahr 2010 begann ich, mein Wissen bei meinen Pferden anzuwenden und so den Sprung von der Theorie in die Praxis zu machen.

Ein Leitgedanke der Osteopathie ist: „Alles Leben ist Bewegung. Dort, wo die Bewegung gestört ist, beginnt Krankheit!“ Mit diesem Satz im Hinterkopf und der Diagnose der Tierärzte – Kniearthrose und Kniebandproblematik - begann ich mir Chiccos Bewegung genauer zu analysieren. Und siehe da: Ich entdeckte, dass der Bewegungsablauf des rechten Knies eher einem „Schlotterwerk“ glich als einer stabilen muskulären Führung.

In diesem Moment war mir klar: Die Muskulatur, die das Knie stabilisieren sollte, war zu schwach. Daher kam zuviel Druck auf das Gelenk, was auf Dauer zu einem großen Problem wurde.

Ich habe zwar Osteopathie gelernt, jedoch rechtlich ist die Osteopathie in Österreich den Tierärzten vorbehalten, was auch völlig in Ordnung ist. Aber eine gezielte Exterieur- und Ganganalyse, um Schwachstellen des Pferdekörpers zu definieren, steht jedem Trainer frei – ebenso, basierend auf dieser Analyse ein individuelles, gezieltes und ganzheitliches Ausbildungsprogramm zu entwickeln. Genau das wende ich seither mit vielfältigen Erfolgen an. Durch das Training sollte das Pferd schöner und gesünder werden und nicht umgekehrt, Schwachstellen sollen beseitigt und so der ganze Organismus gestärkt werden.

Fazit: Bei Chicco wurde das Training komplett umgestellt und somit die Vorhersage des Tierarztes, ihn 8-jährig mit Schmerzmittel in Pension zu schicken, eindrucksvoll widerlegt. Auf dem Foto oben, das letztes Jahr entstand, ist er 25, bei bester Gesundheit und freut sich seines Lebens. Meine Aufgabe ist es heute, ihn trotz seines Alters nicht zu vernachlässigen und gesund und muskulär stabil zu halten – eine ungeheuer schöne und erfüllende Aufgabe. Er und meine Stute Fabiola waren und sind auch heute noch meine größten Lehrmeister – und was ich von ihnen gelernt habe, gebe ich in meinen Seminaren und Unterrichtsstunden gern an andere weiter. Aber das ist schon die nächste Geschichte …

Artikel vom 16.6.2019 auf ProPferd.at